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Ein Gespräch mit dem Präsidenten
2025 stand im Zeichen klarer Positionen. Andrea Galli und Livia Brahier sprechen über politische Interessenvertretung, die wachsende Sichtbarkeit der Ingenieurbranche und die Frage, wie Mitglieder zu aktiven Botschaftern werden.
Andrea, wenn du auf das vergangene Jahr zurückblickst: Was hat den Verband besonders geprägt?
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Es war ein Jahr mit klaren Akzenten. Einerseits haben wir uns inhaltlich stark positioniert – fachlich, politisch und international. Andererseits wurde noch deutlicher, wie zentral Sichtbarkeit ist: für den Verband, für unsere Mitglieder und für das Berufsbild insgesamt. Diese beiden Ebenen haben sich gegenseitig verstärkt.
Ein wichtiger Bestandteil dieses Jahres war zudem unsere Roadshow durch die verschiedenen Regionen, die wir bereits zum zweiten Mal durchführen konnten und 2026 weiterführen werden. Der direkte Austausch vor Ort hat uns erlaubt, regionale Themen und Bedürfnisse gezielt aufzunehmen. Dies hat uns unter anderem ermöglicht, ein verstärktes Interesse an einer stärkeren Präsenz in der Westschweiz zu erkennen, aber auch unser politisches Engagement auf nationaler Ebene zu intensivieren, um ein stabiles Auftragsvolumen zu sichern. Ebenso konnten wir den Bedarf an einer besseren Koordination bei kommunalen Ausschreibungen feststellen, wo ein grosser Schulungsbedarf im Hinblick auf die neuen gesetzlichen Vorgaben besteht.
Welche Entwicklungen haben dich dabei besonders gefreut?
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Auf Mitgliederebene spüren wir eine neue Dynamik. Viele treten selbstbewusster auf, teilen Projekte, Haltungen und Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Das stärkt die Wahrnehmung der Branche. Entscheidend ist dabei nicht Perfektion, sondern Authentizität. Wenn Mitglieder sichtbar sind, wird auch die Branche greifbar. Einblicke aus Büros, von Baustellen oder aus Projektteams zeigen, was Ingenieurinnen und Ingenieure leisten – und warum diese Arbeit gesellschaftlich relevant ist.
Gleichzeitig konnten wir unsere Rolle als politische Interessenvertretung weiter schärfen. Der regelmässige Austausch mit Partnern wie KBOB, Bauenschweiz, SBB oder ASTRA ist zentral – insbesondere bei Fragen der Beschaffung, der Vergabekultur und der politischen Rahmenbedingungen. Beispielsweise ist unser Einsatz gegen die Verlängerung der Zahlungsfristen seitens der Schweizerischen Bundesbahnen zu erwähnen, da diese die Rahmenbedingungen und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz zunehmend beeinträchtigen. Auch wenn es in diesem Fall nicht gelungen ist, die Entscheidung zu ändern, verfolgen wir die Situation weiterhin aufmerksam und stehen im Dialog mit den relevanten Akteuren, um mögliche Wege zur Minderung der Auswirkungen zu identifizieren. Solche Arbeiten geschehen oft im Hintergrund, sind aber wirkungsvoll und stärken die Branche nachhaltig.
Sichtbarkeit endet nicht an der Landesgrenze. Wie positioniert sich suisse.ing international?
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Internationale Plattformen wie FIDIC oder EFCA sind für uns wichtige Bezugsrahmen. Unsere Präsenz dort ist weniger Selbstzweck als Ausdruck eines Anspruchs: Wir müssen über den eigenen Kontext hinausdenken und Entwicklungen früh verstehen, die auch die Schweiz betreffen werden. Der Blick über bestehende Grenzen hinweg erweitert Perspektiven, schafft Vergleichbarkeit und fördert Innovation.
Gleichzeitig bieten diese Gremien die Möglichkeit, Schweizer Positionen einzubringen und Ingenieurkompetenz sichtbar zu machen – auch wenn wir hier noch Potenzial sehen. Themen wie der Wiederaufbau der Ukraine zeigen, wie wichtig langfristiges internationales Denken ist, selbst wenn konkrete operative Beiträge erst zu einem späteren Zeitpunkt möglich werden.
Ein weiterer Schwerpunkt ist Bildung und Nachwuchsförderung. Wie greifen diese Themen ineinander?
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Sie tragen alle zu Professionalität und Zukunftsfähigkeit bei. Engineers@School öffnet früh den Blick auf unsere Berufe, die Zusammenarbeit mit Fachhochschulen und Hochschulen sichert eine solide Grundbildung, den Wissenstransfer, und Formate wie das CAS stärken die Kompetenzen der Mitarbeitenden. Entscheidend ist, diese Programme eng mit den Mitgliedern zu verknüpfen: Sie kennen die Bedürfnisse der Branche und sind die glaubwürdigsten Botschafterinnen und Botschafter.
Wenn wir nach vorne schauen: Welche Rolle soll suisse.ing in den kommenden Jahren spielen?
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Als klare Stimme der Branche. Sichtbarkeit darf kein Einzelmoment sein. Wir wollen kontinuierlich zeigen, was Ingenieurinnen und Ingenieure leisten – in Projekten, in der Bildung und in der Öffentlichkeit. Gleichzeitig verstehen wir uns als koordinierende Kraft, die zentrale Zukunftsthemen früh aufnimmt und gemeinsam mit relevanten Akteuren weiterentwickelt. Dazu gehört der Austausch mit Versicherungsinstituten, wenn die Absicherung grosser Infrastrukturprojekte zunehmend herausfordernd wird, ebenso wie der Dialog mit Ausbildungsinstitutionen, um unsere Perspektive zu den zukünftigen Kompetenz- und Ausbildungsbedürfnissen einzubringen. Ziel ist es, die Erwartungen unserer Mitglieder zu erfüllen und die Relevanz der Ingenieurbranche für Politik, Bildung und Gesellschaft nachhaltig zu stärken.